Als Lehrling wolltet ihr mich ja nicht…

Jedes Tier hat seinen Beschützer, das sind die Tierschutzvereine, die dafür sorgen, dass das Pferd nicht unnötigerweise vom Kutscher geschlagen wird; die Vögel haben ihre Beschützer, die dafür sorgen, dass sie im Winter ihr Futter finden; und existiert für den Lehrling etwa ein Verein, der dafür sorgt, dass er nicht unmenschlich behandelt wird? Nein! (Gründungsflugblatt der SJ aus dem Jahr 1894)

Seit nunmehr  120 Jahren gibt es die Sozialistische Jugend. Hervorgegangen aus Bücherskorpion und Jugendbund gründete sich am 4. November 1894 der Verein Jugendlicher Arbeiter. 200 Lehrlinge fanden sich damals zusammen, um eine Vereinigung für sich selbst zu gründen, in der und mit der sie ihre Interessen erkämpfen können. 12, 14 oder 16 Stunden-Arbeits-Tage sechsmal die Woche waren um die Jahrhundertwende genauso das Los von Lehrlingen wie der Schulbesuch am Sonntag, für den sie auch noch bezahlen mussten, oder das Züchtigungsrecht des Meisters. (Aus dem Grundsatzprogramm)

Die SJ muss mehr Lehrlingsarbeit leisten!

Obwohl wir uns als Sozialistische Jugend in der Vergangenheit oft zum Ziel gesetzt haben, unsere Organisation auch für Lehrlinge zu öffnen, ist uns das nur begrenzt gelungen und es blieb bei nicht viel mehr als einem Lippenbekenntnis. In unseren Gremien aber auch quer durch die gesamte Mitgliederstruktur der SJ ist die Zahl der Lehrlinge eine überschaubare und keineswegs repräsentativ.

Die SJ sollte daher eine Lehrlingskommission einsetzen, die sich damit auseinandersetzt, wie wir unsere Arbeit im Lehrlingsbereich verbessern können und wie wir vor allem Lehrlinge verstärkt in unsere Strukturen bringen können. Denn es ist wichtig, dass wir uns nicht nur als Teil der ArbeiterInnenbewegung verstehen, sondern es uns auch wieder verstärkt gelingen muss JungarbeiterInnen für uns zu gewinnen und bei uns zu organisieren. Die letzten Wahlergebnisse zeigen, dass Lehrlinge stark zur rechtspopulistischen FPÖ tendieren. Wir dürfen die Gruppe der Lehrlinge nicht den RechtspopulistInnen überlassen! Aber auch aus sicht der Organisationsentwicklung der Sozialistischen Jugend ist es wichtig mehr Lehrlinge anzusprechen. Neben den wichtigen inhaltlichen Input den uns Lehrlinge bieten, bleiben diese vor allem in den Flächenbundesländern länger in ihren Heimatorten und können so länger und kontinuierlicher Arbeit für die SJ vorantreiben als MaturantInnen.

Wir müssen aber aufhören Lehrlinge als eigene „Spezies“ zu begreifen, die wir nur mit jugendkulturellen Angeboten wie den DJ-Contest abholen können. Ich will eine gleichberechtigte Kampagnenarbeit für alle Jugendlichen und damit aufhören, dass wir für Lehrlinge ein „Angebot“ schaffen, welches niederschwelliger sein soll. Lehrlinge sind inhaltlich nicht uninteressierter als SchülerInnen!

Weiters strebe auch eine stärkere Zusammenarbeit mit der FSG/Gewerkschafts- Jugend an. Auf die Erfahrungen, die sie in diesem Bereich hat, dürfen wir nicht verzichten! Daher brauchen wir auch dringend einen Lehrlingsschwerpunkt.

Lehrlinge_SAJ

Was sind die zentralen inhaltlichen Fragestellungen für Lehrlinge?

Wie der Name schon sagt ist ein Lehrverhältnis ein Ausbildungsverhältnis. Es kann daher nicht sein, dass Lehrlinge von Betrieben als billige Hilfskräfte missbraucht werden. Jeder Lehrberuf hat ein Berufsbild. Das Unternehmen, das einen Lehrling ausbildet, ist verpflichtet dieses Berufsbild auch beizubringen! Viel zu oft kommt es vor, dass Lehrlinge kurz vor dem lang angestrebten Ziel – also vor der Lehrabschlussprüfung – erkennen, dass sie die vergangenen Jahre eigentlich nichts beigebracht bekommen haben. Sie stehen also vor einem großen Fragezeichen: „Wie soll ich bitte die Lehrabschlussprüfung schaffen? Tätigkeiten wie Rasen mähen, putzen oder Kaffeekochen sind keinesfalls die zentralen Aufgaben, die Lehrlinge im Rahmen ihrer Berufsausbildung  erlernen müssen! Betriebe müssen stärker kontrolliert werden, ob sie den Lehrlingen auch tatsächlich das angestrebte Berufsbild beibringen. Lehrlinge haben Anspruch auf eine ordnungsgemäße Ausbildung!

Alarmierende Lehrlingszahlen!

Die Zahl der Lehrlinge ist in den letzten Jahren massiv rückläufig. Gab es in Österreich im Jahr 1980 noch 194.089 Lehrlinge, waren es im Jahr 2013 120.579 junge Menschen, die die Lehre machen. (Das ist der absolute Negativrekord und ein Rückgang von knapp 38% in den letzten 33 Jahren). Gleichzeitig gibt es immer wieder Stimmen aus der Wirtschaft, die einen angeblichen „FacharbeiterInnenmangel“ kritisieren. Mein Appell: Wenn es diesen wirklich gibt, dann bildet doch endlich wieder aus!

Eine weitere Zahl belegt, wie sehr sich Unternehmen aus der Lehrausbildung zurückziehen: Während im Jahr 2003 noch 36.065 Betriebe Lehrlinge ausgebildet haben, waren dies im Jahr 2013 nur noch 30.936. Das bedeutet einen Rückgang von knapp 15% in nur 10 Jahren!

Überbetriebliche Ausbildungseinrichtungen werden ebenfalls immer wichtiger: Im Jahr 2010 wurden knapp 4,5% aller Lehrlinge in überbetrieblichen Einrichtungen ausgebildet. Im Jahr 2013 – also 3 Jahre später – waren es bereits  über 7,5%!

Ausbildungspflicht – Strafen sind kein Heilmittel

Der von der Bundesregierung angestrebten AusbildungsPFLICHT bis 18 stehe ich mehr als kritisch gegenüber. Zu viele Unklarheiten und offene Fragen gibt es meiner Meinung nach bei dieser Ausbildungspflicht noch. Strafen sind definitiv kein Heilmittel. Was ist mit einem jungen Menschen, der eigentlich MechatronikerIn lernen will, aber dann in einen FriseurInnen Kurs gesteckt wird, weil es keine entsprechende Lehrstelle gibt? Wichtig ist daher, die Rahmenbedingungen zu verbessern und nicht den Eltern Geldstrafen zu verhängen, die teilweise selbst von Arbeitslosigkeit betroffen sind. In die Pflicht gehören vielmehr jene Betriebe genommen, die eigentlich ausbilden könnten, es aber nicht tun! In Voralberg gibt es beispielsweise einen Ausbildungsfond in der Elektro- und Metallindustrie, in den alle Betriebe einzahlen. Von diesem Fond profitieren jene Betriebe, die Lehrlinge ausbilden. So etwas würde ich mir für ganz Österreich wünschen!

Die Berufsschule

Die Berufsschule ist eine Ergänzung(!) zur Ausbildung im Betrieb. Sie darf aber niemals Ersatz sein. Aussagen wie „Das brauchen wir dir nicht beibringen, das bekommst du in der Berufsschule gezeigt“, müssen endlich der Vergangenheit angehören.

Trotzdem müssen die Berufsschulen, aber auch die Internate entsprechend ausgestattet sein. Ausgangssperren, Lernstunden, Nachtruhe und schlechtes Essen sind keine Seltenheit im Berufsschulalltag der Lehrlinge. Die Jugendlichen sind meiner Meinung nach alt genug, um zu wissen, wann sie schlafen gehen. Und auch die Qualität muss stimmen. Vom Unterrichtsmaterial in der Berufsschule bis hin zum Essen im Internat!

Eines liegt mir ganz besonders am Herzen: Lehrlinge, die auf ein Internat angewiesen sind, haben dadurch eine massive finanzielle Belastung! Diese Internatskosten sollen entweder vom Betrieb oder von der öffentlichen Hand übernommen werden und nicht mehr vom Lehrling selbst zu tragen sein. In manchen Fällen ist das ja bereits jetzt schon so.

Faire Bezahlung!

Es ist die bittere Realität, dass Lehrlinge meist mit einer Lehrlingsentschädigung auskommen müssen, die ihnen ein eigenständiges Leben unmöglich macht. (z.B FriseurInnen € 337,- im 1. Lehrjahr). Diesen Umstand dürfen wir nicht länger so hinnehmen und als Sozialistische Jugend müssen wir uns dafür stark machen, dass auch Lehrlinge fair entlohnt werden!

Schluss mit den Klischees!

Noch immer ist es so, dass es „klassische Geschlechterberufe“ gibt. 48% aller Lehrverhältnisse von Mädchen sind in den 3 Lehrberufen „Einzelhandel“. „Bürokauffrau“ und „Friseurin“. Gleichzeitig sind rund 35% der männlichen Lehrverhältnisse in den Lehrberufen „Metalltechnik“, „Elektrotechnik“ und „Kraftfahrzeugtechnik“. Wir müssen diese Berufsklischees endlich aufbrechen und aufzeigen, dass es die Gesellschaft und nicht das Geschlecht ist, dass Frauen in bestimmte Berufssparten drängt und die uns von klein auf Rollenbilder einflößt, die uns auch im Berufsleben massiv einschränken! Girls are strong!

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Eine Antwort zu Als Lehrling wolltet ihr mich ja nicht…

  1. meli schreibt:

    ein echt starker artikel! die lehrlingsentschädigung ist wirkich eine frechheit, vor allem wenn ich sehe dass meine schwester mit 40h im einzelhandel (3. lehrjahr) WENIGER verdient als ich mit meinen 20h arbeiten!!!

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