Gedanken zu 120 Jahren SJ von Florian Wenninger

Bruno Kreisky, hat über die beiden wichtigsten sozialdemokratischen Zeitungen einmal gesagt, die eine sei der „Frack“, die andere das „Ruderleiberl“ der Arbeiterbewegung. In Übertragung dieser hübschen Metapher auf die heutige Sozialdemokratie ist die SJ gewissermaßen der Neoprenanzug der Bewegung. Sie wärmt im kalten Wasser einen ansonsten inzwischen ziemlich nackten Körper.

Ein SPÖ-Bezirksvorsitzender hat mir kürzlich erzählt, er möge die SJ, auch wenn sie die alten GenossInnen regelmäßig durch ihre Forschheit aufscheuche und ihre Positionen in Diskussionen doch arg holzschnittartig sei. Beides wird am Ende nicht ganz falsch sein. An unserer Argumentation müssen wir beständig arbeiten, satte Selbstzufriedenheit können sich Linke nicht leisten. Allerdings habe ich persönlich nicht das Gefühl, dass das die größte Sorge der SJ sein müsste.

Das Problem sind weniger die aktiven als die ehemaligen SJlerInnen. Ein Nachfolger Kreiskys, wenngleich von deutlich überschaubarerem Format, hat in seiner Rede anlässlich des 110jährigen SJ-Jubiläums 2004 gesagt: „Genießt es. So schön wie in der SJ wird es nie wieder.“ Gegenwärtig stimmt das leider. Die meisten AktivistInnen sind nach der SJ noch eine Zeit lang in der Sozialdemokratie aktiv. Der Großteil resigniert früher oder später angesichts der Zustände in der Partei und zieht sich zurück. Andere suchen sich ein Spezialthema, einen Schrebergarten, den sie in Ruhe beackern können (das ist nicht abwertend gemeint, im Gegenteil. In diesen kleinen Ländereien entsteht viel Gutes).

Wieder andere aber beginnen, ihre Zeit in der SJ, die Dinge, die sie dort gelernt haben und den Moralkodex, den sie damals vertraten, als peinlich zu empfinden. Der Opportunismus, dem sie dabei erliegen ist ihnen oft selbst gar nicht bewusst. Subjektiv haben sie eben das Gefühl, „dazu gelernt zu haben“.

Es ist nun durchaus kein Nachteil, wenn Pathos und Selbstgewissheit sich mit der Zeit etwas abschleifen. Wer sich geistig nicht bewegt, endet früher oder später in stupider Dogmatik. Dazu zu lernen heißt aber nicht, den Kern preis zu geben. „Wer mit zwanzig kein Sozialist ist hat kein Herz, wer es mit dreißig immer noch ist, hat kein Hirn“. Leute, die so etwas sagen waren mit zwanzig keine Sozialisten und haben mit dreißig immer noch einen Horizont, der beim Brett vor ihrem Kopf endet. Die Lernfähigkeit, von der sie reden ist nicht zu verwechseln mit einem Rückgrat von der Festigkeit eines Gartenschlauches. Der Traum von einer Gesellschaft der Freien und Gleichen ist keine altersbedingte Geisteskrankheit. Er ist das, was uns stark macht.

Wir haben heute keine Bewegung mehr, die Gewähr dafür böte, dass die Ideale in den Herzen der Jungen weiter gehegt und gepflegt werden. Wir selbst sind es, die Wege finden müssen, diese Saat später nicht verkümmern zu lassen. In Abwandlung eines Gedichtes von Pablo Neruda gilt: Wir werden nicht verhindern können, dass der Sturm die oder andere Blüte mit sich fort trägt. Davon dürfen wir uns nicht beirren lassen. Wir wissen schließlich: Der Wind beherrscht deshalb noch lange nicht den Frühling.

Florian Wenninger

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