Let’s get organized!

Mein Gastommentar für die „OrdensNachrichten 4/2016“ (Verleger sind die Ordensgemeinschaften Österreich)
Frage war wie man Institutionen für junge Menschen zugänglich mach:

Der Blick von Außen auf die Jugend fällt oft negativ aus. Narzisstisch sei sie, nur auf Konsumm fokussiert, kaum Interesse an Politik und überhaupt: weniger progressiv und aufrührerisch als frühere Generationen – sprich: angepasste, modebewusste Selfie-MacherInnen. Diese verkürzte (!) Darstellung trifft aber nicht nur die Jugend, sondern die gesamte Gesellschaft. Warum es Institutionen und Organisationen heutzutage schwerer fällt, Menschen zu erreichen, kann nicht allein am Beispiel der Jugend erläutert werden – die Kritik muss gesamtgesellschaftlich gedacht werden!

Denn wenn jemand der Entpolitisierung entgegen tritt, dann ist es immer noch die Jugend: egal ob die Protestbewegungen am Anfang der Finanzkrise in den USA (Occupy) oder Spanien (15M), der arabische Frühling, die Bewegungen rund um Jeremy Corbyn in Großbritannien und Bernie Sanders in den USA und schließlich die selbstorganisierten Gruppen, welche in Österreich vergangen Herbst auf Österreichs Bahnhöfen tausende Flüchtlinge versorgten. All diese Bewegungen zeigen, dass es vor allem junge Menschen sind, die Kritik am System und der Gesellschaft äußern – und sie alle zeichneten sich durch zwei Punkte aus: eine Bewegung von unten und die Nutzung der Sozialen Medien!

 

Grassroot movement

In Sozialen Medien wird viel Blödsinn getrieben, manche Kommentare sind an Rassismus kaum zu überbieten, doch sind sie auch der Katalysator für Graswurzelbewegungen, die sich durch flache Hierarchien und Basisbeschlüsse auszeichnen. Die Welt ist schneller und kurzlebiger geworden, Menschen binden sich nicht einfach jahrelang an eine Organisation, wenn nicht die Möglichkeit zur Partizipation gegeben ist. Werden Beschlüsse an der Spitze gefasst und einfach nach unten durchgereicht, stößt dies auf Ablehnung. Und davon müssen alteingesessene Organisationen und Institutionen lernen, wollen sie nicht jegliche Verbindung zu den Menschen und damit langfristig ihre Existenzberechtigung verlieren.

 

Partei, Kirche und Jugendorganisation

Blicken wir kurz auf die SPÖ: auch hier kommt innerparteiliche Demokratie oft zu kurz. Während der Bundesparteitag das höchste Gremium ist, trifft die Parteispitze oft Entscheidungen, die Parteitagsbeschlüsse negierten. Das führte zu verständlichem Unmut an der Basis und muss schnellstens korrigiert werden. Als Jugendorganisation im Naheverhältnis zur SPÖ fordern wir von dieser innerparteiliche Demokratie in den Mittelpunkt zu rücken: der Umbau zur modernen „Mitmachpartei“, eine Probemitgliedschaft, das Ausnutzen von Mitbestimmung durch das Internet und vieles mehr müssen hier einen neuen Weg vorgeben.

 

Das gilt wohl ebenso für andere Institutionen, auch für die Kirche. Die Machtkonzentration an der Spitze inklusive starker Hierarchien ist nicht nur abschreckend, sondern trägt dazu bei, gesellschaftliche Entwicklungen zu verpassen. Klar, nicht die gesamte Generation ist tolerant und aufgeschlossen, aber beispielsweise im Umgang mit Ehe und Sexualität ist die Jugend schon weiter. Starres Festhalten an überholten Ansichten und eine fehlende Verbindung zur Jugend gehen so Hand in Hand und können nur gemeinsam korrigiert werden.

 

Als linke Jugendorganisation machen wir manches anders: zum Beispiel Strukturen, die durch rätedemokratische Organisation zu einer Entscheidungsfindung von unten nach oben verpflichten. Und trotzdem: Strukturen können verknöchern und sprachlich müssen wir Vorsicht walten lassen, um niederschwellig und verständlich zu bleiben. Natürlich, auch bei uns läuft nicht alles perfekt: trotz eigener Kampagnen fällt es uns schwer, Lehrlinge zu erreichen. Hier steht uns noch viel Arbeit ins Haus und von perfekt sind wir noch weit entfernt.

 

Wikipedia gibt’s auch ohne Institutionen

Mitglied in einer Organisation zu sein, hatte früher einen großen Vorteil: man erhielt Zugang zu Wissen oder spannenden Information. Heute reicht es Google oder Wikipedia aufzurufen und der Informationsfluss ist gerade zu ins Gegenteil umgeschlagen: wir müssen lernen, die Menge an Infos auszusieben und in Verbindung zu bringen. Also das große Ganze zu sehen und Verbindungen zu ziehen. Zum Beispiel, dass Asylpolitik nicht getrennt von Wirtschaftspolitik gedacht werden darf. Die Gegenüberstellung von den Milliarden die in der Waffenindustrie umgesetzt werden zu den Flüchtlingszahlen kann oft gehörig die Augen öffnen.

 

Freiraum für alle

Die Gesellschaft ist vielfältiger geworden. Frauen kämpfen für ihre Rechte, Menschen verschiedenster sexueller Orientierung wollen sich nicht länger verstecken und fordern Gleichberechtigung und MigrantInnen brauchen ihren Platz in den verschiedensten Institutionen und demokratischen Vertretungen. Wir versuchen eine Organisation für alle zu sein und setzen Schritte um Diskriminierung aufzudecken und zu verhindern, diskriminierte Gruppen zu empowern und mit politischer Bildung unsere Ansichten nach außen zu tragen. Zentral für uns sind nicht die großen Gremien, sondern die Gruppenabende vor Ort. Hier wird die politische Bildung betrieben und hier muss ein Freiraum geschaffen werden, wo sich jeder und jede entfalten und die eigene Meinung sagen kann. Genau dieses Umfeld ist der Grund, warum junge Menschen zur SJ kommen – und bleiben!

 

Jungen Menschen eine Stimme geben!

Sie bleiben auch nur, weil sie hier eine Stimme haben! Weil ihre Meinung gehört wird und etwas ändern kann. Es reicht nicht, vereinzelt Jugendprogramme zu fahren, die über den Status eines reinen Beiwagerls nicht hinauskommen. Die Gefahr als Institution sich in den eigenen Problemen, der eigenen Sprache und den eigenen Strukturen zu verrennen, eint alle Organisationen. Die Lösung – auch wenn sie für progressive Bewegungen einfacher als für bewahrende sein mag – eint ebenfalls: Demokratisierung, das Einbinden junger Menschen und die Förderung eines angenehmen Umfeldes müssen die gesamte Institution durchfluten.

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